Bericht über die Fachtagung “Das Originäre der Pflege …”

7. Jahrgang
(2) – Juni 2002
Seite 45-72
ISSN 1430-9653

Bericht über die Fachtagung
“Das Originäre der Pflege entdecken. Pflege beschreiben, erfassen, begrenzen”
des DV Pflegewissenschaft und der Sektion Hochschullehre Pflegewissenschaft vom 28.02. bis 01.03.02 an der Humboldt Universität zu Berlin

Müller, E. (Seite 65-66)

Zusammenfassung:

Nachdem der DV Pflegewissenschaft in Kooperation mit der Sektion Hochschullehre Pflegewissenschaft erstmalig im September 2000 eine Fachtagung zu einem thematischen Schwerpunkt an der Fachhochschule in Frankfurt/Main angeboten hatte, wurde dieses Veranstaltungskonzept ein weiteres Mal aufgegriffen und dieses Mal mit der Thematik “Das Originäre der Pflege entdecken” in unterschiedlichen Diskussionsplattformen durchgeführt. Als gastgebende Einrichtung konnte in diesem Jahr das Institut für Medizin-/Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft an der Humboldt Universität zu Berlin gewonnen werden. Dessen aktuelle Arbeits- und Forschungsschwerpunkte wurden einleitend von Theo Dassen als Institutsleiter skizziert, während Sabine Bartholomeyczik in ihrer Hinführung zum Tagungsthema auf die mehrere Jahrzehnte währende Tradition des gastgebenden Hauses verwies, Pflegenden selbst schon zu DDR-Zeiten Studienmöglichkeiten an einer Universität einzuräumen.

Das diesjährige Tagungsthema griff einen hochaktuellen Diskussionsschwerpunkt der Pflege auf, um hierüber einen weiteren Beitrag zu ihrer Standortbestimmung zu leisten. Hatten auf der ersten Tagung Überlegungen zur theoretischen Fundierung der Pflege in ihrem Verhältnis zur Pflegepraxis und den sich damit verbindenden kritischen Fragen und Problemen im Mittelpunkt gestanden, so lässt sich diese Tagung vielleicht eher als Idee verstehen, konzeptionelle Anknüpfungspunkte der Pflege auszuloten und zu präzisieren, wie sie sich mit ihren unterschiedlichen Perspektiven auf die Zielgruppe der zu Pflegenden umschreiben lassen. Der Nachmittag des ersten Tages leuchtete daher in seinen Beiträgen die Eckpunkte einer Pflegekonzeption aus, mit der gewohnte Denktraditionen auf ihre Aktualität und Gültigkeit hin befragt werden konnten, während der nachfolgende Freitag Vormittag Gelegenheit bot, in drei parallelen Vortragsangeboten zwischen unterschiedlichen Facetten des ersten Tages und deren Vertiefung auszuwählen. Für manche TeilnehmerInnen verband sich diese Wahlmöglichkeit mit dem Dilemma, zwischen zwei (oder mehren) gleich spannend empfundenen Themen wählen zu müssen.

Zu den Beiträgen im einzelnen:

Als erste Referentin des ersten Tages stellte Charlotte Unzarewicz das Konzept der Leiblichkeit und seine Bedeutung für die Pflege vor, das sie von einem Denkansatz des in Pflegekreisen weitgehend unbekannten Phänomenologen Hermann Schmitz aus entfaltete. Danach umschreibt die Leibkonzeption ein Verhältnis des Ich-seins in der Welt als dynamische Struktur. Körperkonzeptionen hingegen repräsentieren eine von der Umgebung deutlich abgrenzbare Materie, ein “Ding”, das sich als der Welt (unversöhnlich) gegenüberstehend versteht. Gerade aber in der Leibkonzeption steckt ein ungeheurer Fundus, Pflege in ihren personenbezogenen Konzeptionen weiter zu entwickeln, vor allem, wenn sich das eigene Sein in der Welt mit der Fähigkeit verbindet, sich und die Welt in ihrer Wechselwirkung aufeinander zu erspüren.

Susanne Schoppmann berichtete aus ihrer Untersuchung über psychisch kranke Frauen, denen das eigene Spüren in der Welt oder ihre eigene Verortungsmöglichkeit in der Welt abhanden gekommen ist: durch traumatisierende Ereignisse in ihrem Leben haben diese Frauen gelernt, auf Distanz zu sich selbst zu gehen und sich als fremd, maschinenartig wahrzunehmen. Auf der anderen Seite versuchen sie, diesen Zustand durch selbstverletzende Handlungen zu begrenzen. Die Referentin diskutierte dieses Verhalten – im Gegensatz zur oft unterstellten Autoaggression – als besondere Form der Selbstfürsorge, auf das Pflegende mit einem zugewandten Verstehen eingehen können, um die betroffenen Frauen in ihrer Not zu begleiten.

Renate Stemmer fragte in ihrem Beitrag danach, inwiefern der Caring-Gedanke ein sinnvoller Ansatz sein könne, die Essenz der professionellen Pflege näher zu bestimmen. Sowohl der Caring-Begriff an sich als auch seine derzeitige Übersetzung mit “pflegender Sorge” sind einer differenzierten pflegetheoretischen und – wie ich meine – sprachwissenschaftlichen Sondierung zu unterziehen. Der Caring-Gedanke als solcher beinhaltet Konzeptionen des “sich um jemanden Kümmerns”, die nicht nur von der Pflege beansprucht werden. Neben der positiven Bedeutung der zugewandten Sorge konnotiert sowohl der Caring- als auch der Fürsorge-Gedanke mit Bedeutungen der Belastung, Mühsal, Bevormundung. Gerade aber in dieser Doppelbedeutung werden beide Begrifflichkeiten – darauf wies die Referentin hin – erst in Ansätzen pflegetheoretisch diskutiert.

Den Sorge-Gedanken im weiteren Sinne griff Barbara Hellige auf, um diesen mit Ideen der Leibkonzeption einerseits und der Bestimmung von Momenten der Nähe und Distanz andererseits zu verknüpfen: am Beispiel von Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind und deren Krankheitsverlauf ganz wesentlich davon bestimmt ist, es zulassen zu müssen, dass schwindende Selbstsorgekompetenzen mit der sehr nahen Pflege durch andere Menschen kompensiert werden müssen, plädierte sie für ein Konzept des Körperlauschens, das sich mit der erlernbaren Fähigkeit umschreiben lässt, durch ein in-sich-selbst-Hineinhören das Selbst- und das Körperbild (wieder) zu finden und zu stärken, um trotz der schweren Erkrankung dem eigenen Kern nahe zu sein resp. zu bleiben.

Die Diskussion dieses Nachmittages zeigte, dass die Gedanken zu Konzepten der Leiblichkeit zwar vielversprechend für Definitionsanliegen der Pflege erobert werden können, dass aber auf der sprachlich-semantischen Ebene der Leib-Begriff nicht in jedem Fall dazu geeignet ist, den Körper-Begriff als solchen zu ersetzen. Alleine schon Wortneuschöpfungen wie “Körperlauschen” verdeutlichen das Sprachproblem, sobald versucht wird, es in “Leiblauschen” zu verwandeln. Für mich bestätigten die Diskussionen daher abermals die Wichtigkeit, neben pflegewissenschaftlichen Denkansätzen auch linguistische Beiträge in die Auseinandersetzung einzubeziehen, um semantische Unklarheiten zu beheben.

Der Freitag Vormittag war mit ähnlich anspruchsvollen Beiträgen gefüllt und konzentrierte sich auf die drei Themenschwerpunkte:
a) Beratung, Schulung und Information in der Pflege;
b) Konzeptionen, mit denen Pflege als kalkulierbare Leistung erkennbar und erfassbar wird;
c) Körperlichkeit – Leiblichkeit dargestellt an speziellen pflegerischen Problembereichen.

Die inhaltliche Auseinandersetzung in diesen drei Themengruppen wurde zusammenfassend im Plenum referiert und zeigte, dass sie – ohne dass dies in der stattgefundenen Detailliertheit hätte geplant werden können – an zentrale Aussagen des Vortages anknüpften bzw. unabhängig voneinander zu ähnlichen Denkanstößen veranlassten. Darüber hinaus wurde der Tenor der Tagung bekräftigt, dass hiesige Pflege die Phase der schlichten Rezeption importierter pflegetheoretischer Modelle hinter sich gelassen hat, um die Herausforderungen einer eigenständigen wissenschaftlichen Fundierung zu meistern. So lag es auf der Hand, die Veröffentlichung aller Fachtagungsbeiträge anzuregen, was von den TagungsorganisatorInnen mit einer Zusage bedacht wurde. Es ist zu hoffen, dass in jenem Tagungsband die thematische Geschlossenheit der Veranstaltung für die TeilnehmerInnen erinnernd abgerufen werden kann und dass er denjenigen, die nicht dabei sein konnten, vielleicht zu einem nachvollziehenden Leseerlebnis verhilft.

Elke Müller,
Sektion Hochschullehre Pflegewissenschaft.

Abstract:

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